Studierende der Fachschule reisen in die Niederlande und nach Luxemburg - Lehrfahrt der Fachschule für Landwirtschaft Ravensburg 2019

Voller Spannung und mit großen Erwartungen traten 43 Studierende der Fachschule für Landwirtschaft Ravensburg samt ihrer Lehrer vom 01. bis 04. April ihre Lehrfahrt 2019 in die Niederlande und nach Luxemburg an. Für 14 von ihnen, die sich „staatlich geprüfter Wirtschafter für Landbau“ nennen dürfen, war es gleichzeitig die Abschlussfahrt nach dem erfolgreichen Absolvieren der Fachschule für Landwirtschaft.

Gruppenbild der Fachschule Ravensburg vor imposanter Gülle-Ausbringtechnik (Reiff-Lohnunternehmen)

Die Niederlande wurden in diesem Jahr als Reiseziel gewählt, da sich die Studierenden und in den meisten Fällen zukünftigen Betriebsleiter einen Eindruck verschaffen wollten, wie die dortigen Berufskollegen unter den lokalen Rahmenbedingungen wirtschaften, ihre Unternehmen bewirtschaften und erfolgreich Milch erzeugen. Ein besonderes Augenmerk galt dabei unter anderem der Tatsache, dass in den Niederlanden bereits seit einigen Jahren die bodennahe Gülleausbringung gesetzlich vorgeschrieben ist und entsprechend praktiziert wird. Darüber hinaus ist die landwirtschaftliche Produktion im Bereich der Viehhaltung und Veredelung an betriebliche Nährstoffgrenzen gebunden. Von den Betriebsleitern erfuhren die Studierenden, dass seit Beginn 2018 auch für Milcherzeuger eine sogenannte Phosphat-Quote gilt, also eine einzelbetriebliche Höchstmenge an Phosphat die in einem Betrieb erzeugt werden darf. Diese wurde auf Grundlage der im Juli 2015 gehaltenen Milchviehherde zugewiesen und kann durch Kauf zusätzlicher Quote erweitert werden. Der Kauf dieser Quote belastet die Milcherzeugung mit bis zu 8.000 Euro je Milchkuh. Erschwerend kommt der hohe Viehbesatz in einigen Regionen der Niederlande hinzu, der es notwendig macht, Gülle zu exportieren. Laut Aussage der Betriebsleiter belastet der Export von Gülle, beispielsweise ins benachbarte Deutschland, die Milcherzeugung mit Kosten von 10 bis 15 Euro je Kubikmeter Rindergülle, im Bereich der Veredelung sind es bis zu 35 Euro je Kubikmeter Schweinegülle. Neben den durchaus strengen Regelungen im Bereich des Umweltschutzes gibt es einen weiteren wesentlichen Unterschied zu Deutschland, und zwar im Bereich der Hofübergabe. Ähnlich wie auch in Dänemark ist es in den Niederlanden üblich, dass die jungen Betriebsleiter die elterlichen Betriebe von den Eltern abkaufen und die Eltern anschließend den Hof verlassen. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Eltern nicht mehr auf dem Hof mithelfen. Vielmehr ist es jedoch eine hohe finanzielle Belastung, mit der die jungen Betriebsleiter in ihre eigene Existenz als Unternehmer starten.

Der erste Stopp auf der gut 800 Kilometer langen Fahrt Richtung Amsterdam führte die Reisegruppe nach Burscheid, knappe 20 Kilometer nordöstlich von Leverkusen. Betriebsleiter Eberhard Thomas führt dort mit zwei seiner Söhne und über 60 Mitarbeitern einen Milchviehbetrieb mit eigener Bauernkäserei sowie einem Bauern-Café mit Restaurant. Der Großteil der täglich ermolkenen Milch wird in der eigenen Käserei unter dem Label „Bergische Bauernkäserei“ zu knapp 20 verschiedenen Sorten Käse verarbeitet. Die Vermarktung erfolgt zum überwiegenden Teil regional, vom Hofladen bis hin zu Lebensmitteleinzelhändlern. Aktuell modernisiert der Betrieb seinen Milchviehstall und erweitert in diesem Schritt seine Milchviehherde auf 300 Milchkühe.

Ein Blick hinter die Kulissen von Lely in Maassluis. Aktuell verlassen wöchentlich 100 bis 120 AMS die Montagehalle in die ganze Welt.

Der zweite Tag begann mit einem Besuch beim holländischen Landtechnikhersteller Lely, ein Spezialist vor allem für den Bereich des automatisierten Melkens und Fütterns. Die Reisegruppe wurde auf dem Lely-Campus in Maassluis empfangen. Unter anderem werden hier die automatisierten Melksysteme (AMS) der Firma gebaut. Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung wurden die Studierenden durch die Produktionshalle geführt, in denen die Melkroboter zusammengebaut werden. Aktuell verlassen wöchentlich zwischen 100 und 120 AMS die Produktionshalle in Maassluis, wobei diese Zahl durch einen Dreischichtbetrieb jederzeit gesteigert werden kann. Laut Aussage der Firma Lely arbeiten in den Niederlanden ein Viertel aller Milcherzeuger mit einem AMS, in Betrieben mit mehr als 100 Kühen sind es circa 30%, bei unter 100 Kühen entsprechend circa 20%. Dies ist ein enormer Anteil, beachtet man, dass es im Jahr 2006 noch unter 5% aller Betriebe waren.

Die Floating-Farm im Hafen von Rotterdam soll Ende April 2019 von 40 Milchkühen bezogen werden.

Die Niederlande sind ein Volk, dass sich seit vielen Jahren damit beschäftigt, seine natürlich begrenzte Ressource „Fläche“ zu schützen und sehr aufwendig zu generieren – immerhin liegt ein Viertel der Landesfläche unterhalb des Meeresspiegels. Da verwundert es nicht, dass es eine Gruppe innovativer Menschen gibt, die sich mit dem Gedanken beschäftigen, wie man landwirtschaftliche Erzeugnisse auf einer Plattform „auf See“ erzeugen und verarbeiten kann. Das Projekt „Floating Farm“ im Hafen von Rotterdam ist etwas für Visionäre und wird mit Sicherheit von vielen konservativen Landwirten aktuell noch als Hirngespinst betrachtet. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt sich, dass dort versucht wird, auf begrenztem Raum und dezentral Tiere möglichst effizient zu halten, die gewonnene Milch zu verarbeiten und „nah am Kunden“ zu verkaufen. Im Gegenzug sollen Abfallprodukte aus der Nahrungsmittelerzeugung, wie zum Beispiel Biertreber und Kartoffelschalen, ohne lange Transportwege verwertet werden. Bedauerlicherweise war die Farm noch nicht bezogen, jedoch konnte sich die Reisegruppe vor Ort einen Eindruck verschaffen. Auf einem Schwimmplateau entstand ein zweigeschossiger Bau, auf deren Obergeschoss Platz für gut 40 Kühe samt AMS geschaffen wurde. Laut Aussage des Betreibers sollen die Kühe der Rasse Montbéliarde Ende April 2019 ihren neuen Stall beziehen und Milch erzeugen. Die Fütterung erfolgt vollautomatisch über ein Futterband. Im Untergeschoss des Baus sind das Futter- und Güllelager sowie ein Bereich zur Verarbeitung der gewonnen Milch untergebracht. Die Floating Farm liegt momentan im Industriehafen von Rotterdam an, dort soll dann auch direkt am Kai der Verkauf der erzeugten Produkte erfolgen. Autark ist die Floating Farm (noch) nicht, das Grundfutter wird von einem landwirtschaftlichen Betrieb in Form von Silageballen und Schrot geliefert, jedoch überlegen und tüfteln die Menschen hinter dem Projekt bereits an Ideen, auch diese Herausforderung zu lösen. Für die Studierenden war es eine sehr interessante, wenn auch durchaus skeptische Diskussion mit den Projektbeteiligten, wobei man das Projekt beobachten muss, um zu sehen wie es sich entwickelt.

In den Hallen von Flora Royal herrscht reges Treiben.

Der dritte Tag begann sehr früh. Und was wären die Niederlande ohne Blumen? Vor diesem Hintergrund stand ein Besuch der weltgrößten Blumenversteigerung Royal Flora Holland auf dem Plan. In den Hallen des größten Handelszentrums für Blumen und Pflanzen weltweit, werden auf 1,3 Millionen Quadratmetern täglich rund 30 Millionen Stück Blumen und Pflanzen gehandelt. In den Hallen herrschte ein reges Treiben um das Frischeprodukt Blume frisch zum Endverbraucher weiter zu transportieren – beeindruckend, mit welchem Aufwand die Vermarktung betrieben wird.

Nach dem Einblick in die Welt der Blumen wurden zwei typisch niederländische Milchviehbetriebe besucht, beide arbeiten mit AMS. Der Betrieb von Jaqueline und Harold Custers bewirtschaftet gut 75 Hektar landwirtschaftliche Fläche, davon gut 40 Hektar Grünland und 33 Hektar zum Maisanbau. Neben der Milcherzeugung ist der Betriebsleiter an einer Beratungsorganisation beteiligt und für diese tätig, der Betrieb ist im Rahmen eines Projektes vergleichbar des „Lernort-Bauernhof“ aktiv und verarbeitet einen Teil seiner Milch selbst. Laut Aussage des Betriebsleiters werden aktuell 180 Kühe an drei AMS gemolken, im Durchschnitt mit 2,9 Melkungen je Tag. Beachtenswert ist, dass zwei der drei AMS bereits seit 2001 auf dem Betrieb arbeiten. Mit einem Herdenschnitt von 10.500 Kilogramm Milch wird der größte Teil der Milch dreitägig an die Genossenschaftsmolkerei FrieslandCampina geliefert. Einen Teil der Milch verarbeitet die Familie seit gut einem Jahr zu Milchreis und vermarktet diesen regional. Den Weg in die Milchverarbeitung ist die Familie unter anderem wegen der eingangs erwähnten Phosphat-Quote gegangen, da eine Erweiterung der Milchviehherde mit Investitionen in diese Produktionsrechte verbunden gewesen wäre.

Der zweite Betrieb, der besucht wurde, setzt auf Automatisierung und Technik. Der Stall der melkenden Kühe, der im Jahr 2012 erbaut wurde, beherbergt neben 200 Kühen auch die komplette Melktechnik, bestehend aus vier AMS sowie die vollautomatisierte Technik zum Futteranschieben sowie zur Spaltenreinigung. Der junge Betriebsleiter, der im Ehrenamt im Vorstand von FrieslandCampina agiert, hat das Ziel, seine Milchkühe möglichst effizient zu halten. Vor Ort stand der Senior-Chef den Studierenden Rede und Antwort. Aktuell überlegt der Betrieb, seine Milchviehherde zu erweitern – trotz der Phosphat-Quote und den damit verbundenen Investitionen. Laut Aussage des Senior-Betriebsleiters gibt es am Markt Phosphat-Quote zu kaufen, in erster Linie von Milchviehhaltern, die ihre Erzeugung einstellen.

Am vierten und letzten Tag der Reise wartete ein Highlight für alle Technikbegeisterten. Das landwirtschaftliche Lohnunternehmen von Jeff Reiff wurde im luxemburgischen Troisvierges besucht. Jeff Reiff, der einen landwirtschaftlichen Betrieb mit rund 500 ha landwirtschaftlicher Fläche bewirtschaftet, stieg 2006 in den elterlichen Betrieb ein. In den letzten Jahren entwickelte sich das Unternehmen zu einem der größten landwirtschaftlichen Lohnbetriebe. Neben dem landwirtschaftlichen Betrieb und dem Lohnunternehmen wird eine eigene Werkstatt betrieben, in der neben den eigenen Maschinen auch Aufträge von Kunden erledigt werden. Laut Aussage des Betriebes werden aktuell 65 Festangestellte beschäftigt, hinzu kommen zahlreiche Saisonarbeiter während der Arbeitsspitzen wie Gras- und Maishäckseln. Ein besonderes Highlight des Betriebes ist die Sammlung historischer Fendt-Modelle, eine Leidenschaft des Senior-Chefs Josy Reiff. Die wahrscheinlich größte Fendt-Sammlung weltweit im Eigentum von Josy Reiff beinhaltet knapp 200 Fendt-Modelle, angefangen im Baujahr 1932.

Die Tour in die Niederlande und Luxemburg brachte den Studierenden viele Einblicke in interessante Betriebe, interessante Gespräche und Diskussionen mit verschiedenen Mitarbeitern und Betriebsleitern. Besonders die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Produktion, Stichwort Phosphat-Quote oder die bodennahe Gülleausbringung, unter denen die niederländischen Betriebe zu wirtschaften haben, brachten viele der Teilnehmer zum Rechnen und Nachdenken. Auch die sozialen Rahmenbedingungen, wie der Kauf der Betriebe durch die jungen Betriebsleiter, sorgten für rege Diskussionen. Unterm Strich gilt jedoch auch für die dortigen Unternehmer, einen eigenen erfolgreichen Weg zum Wirtschaften zu finden, sei es durch die Veredelung (Verarbeitung) der eigenen Produkte oder doch durch weiteres betriebliches Wachstum auf der Suche nach Degressionseffekten im Bereich der Kosten.

Damit war die Lehrfahrt der Fachschule Ravensburg 2019 erneut eine sehr gute und interessante Möglichkeit über die betrieblichen „Tellerränder“ zu schauen. Das Gesehene und Erlebte gilt es nun in die eigenen Überlegungen und Entwicklungen einzubeziehen – ein wichtiges Ziel der Fachschule Ravensburg im Rahmen der Fortbildung zum staatlich geprüften Wirtschafter für Landbau.

Fotos: Fachschule für Landwirtschaft Ravensburg
Text: Michael Asse

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Ravensburg, den 17.04.2019